Über mein großes Bedürfnis nach Harmonie, die Angst vor Ablehnung und das, was ich als hochsensible Selbstständige darüber gelernt habe.
„Du musst doch nicht jedem gefallen.“ Wie oft ich diesen Satz schon gehört habe, weiß ich nicht mehr. Und das Verrückte ist: Ich weiß das längst selbst. Natürlich darf ich eine eigene Meinung haben, natürlich dürfen andere Menschen anders denken als ich, und natürlich kann ich es nicht jedem recht machen. Nur weil mein Kopf das verstanden hat, heißt das noch lange nicht, dass meine Gefühle und mein Körper hinterherkommen. Eine andere Meinung auszuhalten war für mich oft schwerer, als meine eigene auszusprechen, und gerade als hochsensible Selbstständige hat mich das immer wieder beschäftigt.
Inhalt
Es jedem recht machen wollen, und warum eine andere Meinung so schwer wiegt
Ich kenne dieses große Bedürfnis nach Harmonie gut. Ich möchte verstanden werden, ich möchte niemanden verletzen, und natürlich fühlt es sich leichter an, wenn alle einverstanden sind. Aber was passiert, wenn jemand meine Meinung nicht teilt, wenn jemand etwas anders sieht, oder wenn ich befürchte, dass meine Worte nicht gut ankommen? Dann beginnt bei mir ein Gedankenkarussell:
Habe ich mich richtig ausgedrückt?
Hätte ich es anders formulieren sollen?
Was denkt die andere Person jetzt über mich?
War meine Meinung vielleicht doch falsch?
Und plötzlich geht es gar nicht mehr nur um das eigentliche Thema, sondern darum, wie andere mich wahrnehmen. Ob sie mich noch mögen. Ob ich etwas falsch gemacht habe. Ob ich die Harmonie wiederherstellen müsste.
Gerade das fand ich lange so schwierig: Ich konnte mir hundertmal sagen, dass ich nicht jedem gefallen muss, und die Gefühle waren trotzdem da. Unsicherheit, Anspannung, Angst. Sie verschwanden nicht einfach, nur weil ich einen vernünftigen Gedanken dagegenstellte. Mittlerweile habe ich gelernt, dass ich sie auch nicht sofort wegmachen muss. Ein Teil von mir darf wahrnehmen, was gerade passiert: vielleicht Unsicherheit, vielleicht Angst vor Ablehnung, vielleicht das Bedürfnis, mich zu erklären oder die Situation möglichst schnell wieder in Ordnung zu bringen. Diese Gefühle dürfen da sein, ohne dass ich mich dafür kleinmachen muss.
Was wirklich dahintersteckt, wenn Zustimmung so wichtig wird
Eine wichtige Erkenntnis auf meinem Weg war, genauer hinzuschauen: Was macht es mit mir, wenn jemand anderer Meinung ist? Warum fühlt sich das manchmal so unangenehm an? Und gehört dieses Gefühl wirklich nur zur aktuellen Situation, oder berührt es auch etwas, das ich aus früheren Erfahrungen kenne?
Für hochsensible Menschen kommt dabei noch etwas hinzu, das sich inzwischen auch neurowissenschaftlich zeigen lässt. Untersuchungen zur sensorischen Verarbeitungssensitivität (Acevedo et al., 2014) zeigen, dass ein sensibleres Nervensystem soziale Reize tatsächlich intensiver verarbeitet. Eine andere Meinung oder ein kritischer Blick ist für uns also nicht nur gefühlt stärker, sondern tatsächlich stärker. Das macht es nicht leichter, aber es erklärt, warum sich eine einfache Meinungsverschiedenheit manchmal so groß anfühlt.
Ich habe mich dabei auch mit Erlebnissen aus meiner Kindheit auseinandergesetzt, mit Erfahrungen, in denen meine Meinung keinen Raum hatte und es für mich nicht sicher war, mich so zu zeigen, wie ich war. Das passt zu einem der bekanntesten Befunde der Sozialpsychologie: Baumeister und Leary (1995) zeigen, dass das Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu den stärksten menschlichen Antrieben gehört, und dass wir soziale Bindungen mindestens genauso ungern verlieren, wie wir sie eingehen wollen. Eine andere Meinung fühlt sich dann schnell wie eine Gefahr für die Bindung an, auch wenn objektiv gar nichts auf dem Spiel steht.
Lange hatte ich das Gefühl, dass unterschiedliche Meinungen etwas Unangenehmes sind, das möglichst schnell aufgelöst werden muss. Heute sehe ich das anders. Jemand darf meine Meinung nicht teilen, jemand darf meine Entscheidungen anders treffen, und jemand darf mit dem, was ich sage, auch einmal nichts anfangen können. Das bedeutet nicht automatisch, dass zwischen uns etwas nicht stimmt. Ich darf bei meiner Meinung bleiben, ich darf andere Sichtweisen stehen lassen, und ich darf lernen, mit den Gefühlen umzugehen, die dabei in mir entstehen, ohne mich selbst zu übergehen.
Was das mit meiner Selbstständigkeit zu tun hat
Dieses Thema begegnet mir in meiner Selbstständigkeit an vielen Stellen: wenn ich meine Meinung auf Social Media teile, wenn ich mich positioniere und damit auch Menschen ausschließe, für die meine Arbeit noch nicht gedacht ist, wenn ich einer Kundin eine Grenze setze, wenn ich einen Preis nenne und nicht weiß, ob mein Gegenüber damit einverstanden ist, oder wenn ich eine Entscheidung treffe, die andere vielleicht nicht verstehen.
Natürlich brauche ich Rückmeldungen und darf meine Entscheidungen hinterfragen. Aber ich muss nicht jede andere Meinung als Urteil über meinen persönlichen Wert verstehen, und ich muss mich auch nicht danach ausrichten, möglichst niemanden zu irritieren. Hier setzt übrigens auch der soziale Vergleich an: Eine Untersuchung zur Wirkung von Vergleichen auf die Selbstbewertung (Colpaert et al., 2015) zeigt, dass wir uns nach dem Vergleich mit anderen unterschiedlich bewerten, je nachdem, ob wir die Situation als Wettbewerb oder als Miteinander erleben. Wer Sichtbarkeit als Konkurrenz erlebt, macht sich das Aushalten anderer Meinungen unnötig schwer.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse für meine Sichtbarkeit war deshalb: Ich bin nicht für jeden Menschen da. Ich möchte die Menschen erreichen, für die meine Botschaft gedacht ist, die sich in meinen Erfahrungen wiederfinden, die sich mit ihren eigenen inneren Mustern beschäftigen möchten. Und die Menschen, die anders denken? Auch das darf sein.
Was ich heute anders mache
Mutig zu sein heißt für mich nicht, keine Angst oder Unsicherheit mehr zu spüren, und es heißt auch nicht, dass mir jede Meinung egal sein muss. Ich möchte andere Menschen weiterhin ernst nehmen, zuhören und offen bleiben, aber mich dabei nicht selbst verlieren. Ich darf Gefühle haben, ohne dass sie jede meiner Entscheidungen bestimmen müssen. Ich darf meine Meinung sagen, auch wenn ich noch nicht weiß, wie sie aufgenommen wird. Und ich darf akzeptieren, dass andere Menschen anders denken.
Meine Meinung darf da sein. Deine auch. Und beides darf nebeneinanderstehen.
Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erkenntnisse auf meinem Weg als hochsensible Selbstständige: nicht weniger zu fühlen, sondern zu lernen, mich auch mit diesen Gefühlen ernst zu nehmen und meinen eigenen Weg zu gehen.
Fazit
Vom Kopf her weißt du vielleicht längst, dass du nicht jedem gefallen musst. Trotzdem fällt es dir schwer, eine andere Meinung oder mögliche Ablehnung auszuhalten, und vielleicht merkst du, dass du dich deshalb oft zurücknimmst, deine Worte hinterfragst oder Entscheidungen aufschiebst. Ein kleiner erster Schritt: Nimm dir diese Woche eine Situation vor, in der du normalerweise sofort einlenkst, und bleib einmal bewusst eine Minute länger bei deiner eigenen Meinung, bevor du dich dazu erklärst. Das reicht schon.
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Häufige Fragen
Warum fällt es mir so schwer, eine andere Meinung auszuhalten?
Oft steckt dahinter kein Charakterfehler, sondern ein früh gelerntes Bedürfnis nach Harmonie. Bei hochsensiblen Menschen kommt dazu, dass soziale Reize wie Kritik oder Widerspruch intensiver verarbeitet werden.
Wie lerne ich, es nicht mehr jedem recht machen zu wollen?
Der erste Schritt ist, die eigenen Gefühle in solchen Momenten wahrzunehmen, ohne sie sofort wegmachen zu wollen. Erst danach lässt sich üben, bei der eigenen Meinung zu bleiben, auch wenn jemand anderer Meinung ist.
Ist die Angst vor Ablehnung bei Hochsensiblen stärker?
Studien zur sensorischen Verarbeitungssensitivität deuten darauf hin, dass soziale Signale bei hochsensiblen Menschen tatsächlich intensiver verarbeitet werden, nicht nur gefühlt stärker wahrgenommen.
